Die Vollendung der Henrike Grohs

Die Trauerfeier fand am Sonntag, 10. April, genau vier Wochen nach dem unbegreiflichen Mord, sehr angemessen, ergreifend und würdig im Berliner Haus der Kulturen der Welt von 11 bis 17 Uhr statt. Über zweihundert Verwandte und Freunde waren aus ganz Deutschland angereist, und aus einigen Nachbarländern und besonders aus der Côte d’Ivoire.  Der Gottesdienst war kurz, eine Dreiviertelstunde lang. Wir sangen gemeinsam das Lied We shall overcome. Der Bariton Folke Paulsen trug das Bonnhöffersche Lied ‚Von guten Mächten wunderbar geborgen‘ vor, ich habe es nach der Rückkehr nach Bonn noch mehrmals angehört.

Wo Henrike überall gelebt und gewirkt hat: Schon als kleines Kind in Tansania, groß geworden in Mainz, studiert in Berlin, Ethnologin war sie geworden, Projekte im Haus der Kulturen der Welt, in der Berliner Philharmonie, Leben und Arbeiten in Benin, in Südafrika, Chefin im Goethe-Institut in Abidjan. Einmal hat sie an dem berühmten Kurzfilm „Schwarzfahrer“ für drei Sekunden teilgenommen, ich habe den schönen Film auf meine Facebook-Seite hochgeladen, er passt jetzt so gut in unser Land und so gut ins Leben Henrikes. Ein junger Afrikaner frißt einer rassistisch hetzenden alten Nazifrau ihre Fahrkarte auf, sie wird dann vom Schaffner als Schwarzfahrer(in) enttarnt. Es wurde auch ein kurzer Film über die bewegende Trauerfeier der ivorischen KünstlerInnen im Abidjaner Institut Francais gezeigt, ein ivorisches Tanzehepaar führte einen gefühlvollen afrikanischen Tanz auf, sie gehörten zu den engen Freunden Henrikes in der Elfenbeinküste. Die 82-jährige Eva-Maria Bruchhaus erzählte, wie sie Henrike im Oktober 1991 zu einem Frauenseminar mit nach Freetown, Sierra Leone, mitgenommen hatte. Ich erinnerte mich daran, ich war damals zum ersten Mal Botschafter geworden, genau in Freetown. Eine ghanaische Pastorin hatte damals eine Geschichte erzählt, wie die Frauen mit ihren Männern umgehen sollten. Eva-Maria spielte den Vortrag der Ghanaerin nach: Wir sollten sie nicht einzuckern, auch nicht einsalzen oder einpökeln, sondern „we should deep-freeze them“, um sie ganz für uns zu erhalten, so wie sie gewesen waren.

Ich habe Henrike gleich nach ihrer Ankunft im August 2013 kennengelernt. Sie suchte eine Unterkunft, kein Haus, sondern eine Wohnung an der Lagune, und sie fand sie. „J’aime ma lagune“.

Im Erinnerungsteil der Feier habe ich ein paar Worte zu ihrer Bedeutung in Abidjan gesagt, ich möchte das festhalten. Henrike war Kulturmanagerin, wurde während der zahlreichen Ansprachen immer wieder gesagt. Wenn man das in Berlin sagt, denkt man vielleicht, dass es davon ja viele gibt. In Berlin wohl, oder in München, oder in Frankfurt. In einem afrikanischen Land ist das anders. Die eigene Regierung unterstützt ihre Künstler fast nie, sie will höchstens von ihrem Ruhm profitieren, wenn sie berühmt geworden sind, etwa bei den Sängern Salif Keita oder Tiken Jah Fakoly in Côte d’Ivoire. Aber gefördert werden Künstler kaum, sie sind auf sich selbst angewiesen – oder nicht ganz. In Abidjan gibt es nämlich immerhin das wunderbare Institut National Supérieur des Arts et de l’Action Culturelle INSAAC, und dann noch zwei ausländische Kulturinstitute, das Institut Francais und eben das Goethe-Institut, mehr nicht. Umso begehrter und besuchter sind das INSAAC und diese beiden westlichen Institute. Als Henrike 2013 in Abidjan ankam, war der Bürgerkrieg, der von 2002 bis 2011 angedauert hatte, zwar schon vorbei, aber die Versöhnung war – und ist bis heute – nicht erreicht. In den beiden Kulturinstituten können sich die Kreativen der zerstrittenen Ethnien treffen und gemeinsam Brücken bauen. Das hat Henrike aus ganzem Herzen im Goethe-Institut Abidjan gefördert. Und dann war sie auch noch für die Goethe-Zentren in Bamako und Ouagadougou zuständig und ist dort hingereist, auch ins Operndorf, das Schlingensieff gegründet hat. In den afrikanischen Ländern sind unsere Kulturinstitute die Hoffnungen der Kreativen und der Demokraten. Henrike Grohs hat dort ihre Vollendung gefunden, viel zu früh.

Karl Prinz, von 2011 bis 2014 deutscher Botschafter in Abidjan

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